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Ich hab‘s geschafft, meine erste Atlantiküberquerung ist Geschichte.

Nach einem Jahr Vorfreude auf die ARC-Teilnahme (Atlantic Race for Cruisers) war es endlich so weit: Am 20. November um 12:45 Ortszeit fiel vor Las Palmas auf Gran Canaria der Startschuss zur 31. ARC-Austragung. Jedes Jahr treffen sich hier zwei- bis dreihundert Boote, um die knapp 3000 Seemeilen nach St. Lucia in Angriff zu nehmen. Wie es der Titel sagt, ist das Rennen hauptsächlich für Cruisers ausgeschrieben, trotzdem sind immer auch hochkarätige Rennyachten mit am Start. Dieses Jahr als Top-Favorit die Rambler 88, eine 88-Fuss Karbonjacht mit Schwenkkiel. Um trotzdem allen Booten eine Chance auf den Sieg zu geben, wird die gesegelte Zeit je nach Bootstyp mit verschiedenen Handicap Faktoren multipliziert. So wird die gesegelte Zeit von Rambler 88 beispielsweise mit dem Faktor 1.902 multipliziert, verglichen mit dem sechstschlechtesten Faktor 1.352 unseres Boots, der Challenge 93 (Fisher & Paykel). Schlechtere Faktoren als wir auf der Challenge 93 haben nebst Rambler 88 noch zwei Volvo Ocean Race 70 (Trifork und Sanya) und die 82 Fuss-Yacht Ammonite. Bei einem optimalen Rennen liegt somit auch für uns durchaus eine Spitzenposition drin. Auch wenn unser Boot mit Baujahr 1988 etwas in die Jahre gekommen ist, ist es keineswegs langsam. Die Challenge 93 ist eine der ersten aus Karbon gefertigten Rennjachten, der Rumpf vollständig aus der Hightech-Faser, das zweimastige Rigg aus Aluminium. Masthöhen sind 35 und 27 Meter, der Tiefgang 3.85m und die Länge 83 Fuss, also knapp 25 Meter. Die schlanke Dame bringt aktuell 30,8 Tonnen auf die Waage, im Vergleich zu heutigen Rennyachten derselben Grösse ein Schwergewicht. Die „Fisher & Paykel“ wurde übrigens im Whitbread-Rennen 1990 hinter dem Schwesterschiff „Steinlager“ zweite.

Zurück aus der Vergangenheit zu dem Stunden vor dem Start. Diese waren geprägt von Vorfreude, aber auch von Ungewissheit, nicht zu wissen, was auf uns zukommen würde. Wir hatten genug Nahrung gebunkert und die Ausrüstung war auf neustem Stand. Die Crew war komplett, jedoch kannten sich nur die wenigsten und für Training vor dem ARC blieb praktisch keine Zeit. Die Gruppendynamik würde sich in den ersten Tagen entwickeln und zeigen, ob und wie gut die Truppe funktioniert. Wir waren 20 Segler zwischen 18 und 80 Jahre alt, darunter 2 Frauen.

Der Start verlief für uns ohne Probleme, wir kamen nach dem üblichen Geplänkel sehr gut weg und konnten den Grossteil der Flotte rasch hinter uns lassen. Unser Navigator und Skipper Sinbad Quiroga entschied sich für die nördlichere Route und kurz nach den Kanarischen Inseln schlugen wir nordöstlichen Kurs ein, während das Gros der Flotte ziemlich direkten Kurs auf St. Lucia hielt. Wir nahmen Risiko, und bezahlten am nächsten Tag mit einer Flaute, wohl weil wir einen Kurs zu nah an Teneriffa wählten. Flaute ist für jeden Segler schlimmer auszuhalten als Sturm und so machte sich teils etwas Frustration breit. Einzig positiv daran war, dass wir in aller Ruhe eine Riesenschildkröte beim Fressen beobachten konnten. Als wir endlich wieder konstanten Wind aus der gewünschten Richtung hatten und die Frustration wieder Freude wich, schlug auch die direkte Konkurrenz den Weg nach Norden ein.

In den nächsten Tagen und nun ohne Land in Sicht hatten wir relativ konstant Wind und wir konnten guten Speed halten. Vereinzelt hatten wir Windspitzen bis 30 Knoten, meist bewegte sich der Wind aber um 15 bis 20 Knoten. Wie erwartet, konnten wir den Grossteil vor dem Wind segeln. Ab Rennhälfte und damit verbunden, dass wir in südlichere Sphären vorstiessen, wurde das Segeln anspruchsvoller. Die Temperaturen stiegen zwar, die Winde wurden aber wegen zahlreicher lokaler Stürme (Squalls) weniger berechenbar. Konkret konnte das bedeuten, dass der Wind schlagartig von 15 auf 30 Knoten zunahm und dazu noch die Richtung änderte. Dies hatte zur Folge, dass wir öfters und in kurzen Abständen Segel wechseln mussten, um keinen Schaden zu erleiden. Bei 2 Masten und 5 Segeln von dieser Grösse eine ziemliche Arbeit, zumal die Challenge 93 über keine hydraulischen Winschen verfügt. Zusätzlich herausfordernd die Tatsache, dass Squalls nicht nur zu Bürozeiten auftreten. Natürlich will man so lange wie möglich mit der Maximalen Segelfläche segeln und falls nötig, nur im letzten Moment Spinnaker bergen. Dies klappte meist sehr gut, vereinzelt sind wir aber zu viel Risiko eingegangen und 3 Spinnaker haben das Rennen nicht überlebt. Anzumerken bleibt, dass diese wie das Schiff viele Jahre auf dem Buckel haben und Sonne und Meer der Stabilität eines Segels mit Sicherheit schaden. Wie der Wind nahmen auch die Temperaturen zu, gegen Renn-Ende stand die Luft im Boots-Rumpf, und in Sauna-ähnlicher Atmosphäre konnte vermutlich einzig unser finnischer Mitsegler gut schlafen. Die letzten Nächte verbrachte ein Teil der Crew schlafend an Deck, natürlich mit Life-Belt gesichert.

Wie das Wetter veränderte sich auch unsere Verpflegung im Verlauf des Rennens. Auf Gran Canaria haben wir eine geschätzte Tonne an Essen gebunkert, darunter viel frisches Gemüse und Früchte. Um uns bei Kräften zu halten, haben wir täglich gekocht, von Gemüse-Eintopf bis Thunfisch-Pasta, letztere mussten wir jedoch mit Dosen-Fisch anrichten, da wir wegen des Rennens komplett aufs Fischen verzichtet haben. Zwischenzeitlich gab es unregelmässige Gaumenfreuden, so hatten wir ausreichen spanischen Schinken dabei, konnten mal Guacamole oder Schweizer Schokolade geniessen.

Während des ganzen Rennens haben wir sehr selten andere Schiffe zu Gesicht bekommen. Dafür aber ab und zu etwas Besuch bekommen. So sahen wir mehrmals Delfine, die uns ein Stück weit begleiteten. Eindrücklich waren auch die Wale, die um unser Boot fliegende Fische gejagt haben. Leider konnten wir die ca. 8 Meter langen Meeressäuger keiner Gattung zuordnen, da sie sich nicht sehr nah ans Boot trauten. Die Schildkröte, die uns zu Beginn beim Fressen überholt hat, haben wir dann später wieder eingeholt. Gegen Ende des Rennens wurden wir dann auch in der Luft besucht, hauptsächlich von Fregattvögeln.

Da wir unser Satellitentelefon lediglich zum Update der Wetterkarten benutzen, wussten wir nur zu Beginn nahe der Kanaren und zum Schluss vor den West Indies, wo sich die Konkurrenz aufhielt. Währen der meisten Zeit hatten wir keine andere Wahl als uns auf unser Rennen zu konzentrieren und daher kann ich kaum über den Rennverlauf berichten. Im Laufe des Rennens zeigte sich glücklicherweise, dass das Team wider anfänglicher Befürchtungen gut funktionierte, die Stimmung an Bord war gut und diese gipfelte in der letzten Nacht. Euphorisch wegen der knapp bevorstehenden Ankunft schlief praktisch niemand mehr. Am 3. Dezember kurz vor 1 Uhr morgens war es dann so weit und wir überquerten als 3. Boot die Ziellinie. 12 Tage, 16 Stunden, 6 Minuten und 53 Sekunden nach dem Start ist meine erste Transat Geschichte. Nach Anwendung des eingangs erwähnten Handicap-Faktors bedeutet die erreichte Zeit Platz 5 für uns. Ein Resultat, dass sich durchaus sehen lassen kann, denn die Konkurrenz war mit Multimillionen-Dollar Rennyachten mit teils professionellen Segel-Crews hart.

Anzumerken gilt es noch, dass die Rambler 88 für die knapp 3000 Seemeilen nur 8 Tage und etwas über 6 Stunden benötigt hat und damit den ARC-Rekord vom Vorjahr (Team Brunel) um eine Stunde unterboten hat – Gratulation an dieser Stelle.

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Hier findet man mehr über das Boot und das Rennen.

Übrigens, diese Regatta hat mit dem Projekt „The Race of My Life“ nichts zu tun. Das eigentliche Projekt startet in den nächsten Monaten mit Trainings in England, im August fällt dann der Startschuss zur 11 Monatigen Weltumrundung in Etappen. Ich werde hier ausführlich über Trainings und das Rennen berichten.

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